Die bunte Normalität der Vielfalt


„Die Stadt als Bezugs- und Identifikationspunkt gewinnt an Bedeutung in einer globalisierten Welt.“ Migrationsforscher Dr. Mark Terkessidis gab die Richtung vor, in die sowohl sein Vortrag als auch die Entwicklung der Stadt gehen sollten.

Rund 140 Duisburgerinnen und Duisburger waren am Freitag, den 18. Januar, der Einladung der Bürgerstiftung Duisburg gefolgt, an der zweiten Dialogveranstaltung von „Typisch Duisburg?!“ teilzunehmen. In die Alte Feuerwache Hochfeld hatten zudem das Referat für Integration der Stadt Duisburg und ARIC-NRW e.V. geladen, um gemeinsam die „Kulturelle Vielfalt in der Stadtentwicklung“ zu beleuchten.

Mark Terkessidis dämpfte zu Anfang zunächst die Erwartung schneller Erfolge, die der Prozess des Umdenkens und Neugestaltens nicht leisten kann. Fünfzehn bis zwanzig Jahre müsse man schon rechnen, bis der demografischen Entwicklung der Gesellschaft in Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund stadtplanerisch Rechnung getragen würde.
Man verharre momentan noch in „Klischees der Nationalitäten“, was typisch deutsch, türkisch, griechisch etc. sei und richte seinen Blick auf kleine Problemgruppen, anstatt die Alltäglichkeit der Vielfalt zu betrachten. Gerade eine Stadt wie Duisburg habe in ihrem Selbstbild noch nicht das Potenzial und die Normalität der vielen Migranten und ihrer Nachkommen verinnerlicht.
Etwas belustigt führte er als Beispiel den Imagefilm an, den die Stadt Duisburg auf ihrer Internetseite präsentiert. „Im Branding der Stadt sind keine Migranten inkludiert“, monierte er und damit ignoriere man die Realität. Die Vielfalt müsse vielmehr ein Alleinstellungsmerkmal sein, man müsse selbstbewusst und offen damit umgehen.

Auch das öffentliche Leben mit seinen Institutionen müsse den Bevölkerungsdurchschnitt repräsentieren, sprich entsprechend viele Angestellte mit Migrationshintergrund beschäftigen. Konkret für den stadtplanerischen Bereich nannte er die notwendigen Veränderungen von Freiräumen und Gebäuden, die Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen eben auch unterschiedlich nutzten. Leerstehende Räume könnten der Bevölkerung zur Zwischennutzung zur Verfügung gestellt werden, wodurch eine enorme Belebung entstünde und Kreativität wachse.

Gerade Kommunen mit notorischer Geldknappheit bräuchten wesentlich mehr direkte Bürgerbeteiligung, wodurch neben der größeren Akzeptanz von Neuerungen auch das Wir-Gefühl gestärkt würde. Man solle auch Experimente wagen. „Wir müssen die Gemeinschaft erfinden, die aus der Zukunft kommt.“
Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass Aktionen wie die Besetzung einer leeren Schule in Laar zur Zwischennutzung für kreative Projekte (durch Mustermensch e.V., Anm. der Red.) von der Stadt unterbunden wurden. Es falle in Duisburg schwer, etwas auf die Beine zu stellen, gerade auch wegen der harten Auflagen nach dem Loveparade-Unglück.
Terkessidis bestärkte das Publikum darin, mit neuen Ideen nicht locker zu lassen, irgendwann müsse sich etwas bewegen. Schöner wäre es natürlich, wenn die Politik das Signal zum Dialog gebe. Generell würde er eher Taten statt Worte bevorzugen: Die zehntausendste Dialogveranstaltung sei nicht fruchtbar und schließe auch kommunikativ Schwächere wie Nicht-Muttersprachler aus. Stattdessen sind gemeinsame Aktionen wie das Reparieren einer öffentlichen Treppe durch die Nachbarschaft eine Möglichkeit, bei der sich unterschiedliche Talente einbringen können und unterschiedliche Charaktere miteinander etwas entstehen lassen.

Im zweiten Teil der Veranstaltung kamen Markus Drews (Im-mobilis), Mevlüt Kurban (MUT migranten-unternehmen e.V.), Leyla Özmal (Stadt Duisburg Referat für Integration), Pater Oliver (OPraem Abtei Hamborn), Hartmut Reiners (ARIC-NRW e.V. - Anti-Rassismus Informations-Centrum), Wolfgang Trefzger (Landes-Gewerbeförderungsstelle des nordrhein-westfälischen Handwerks e.V.) und Roger Zacks (Duisburger Philharmoniker) zur Moderatorin Petra Weis auf die Bühne.
Alle haben sie in ihrem Arbeitsumfeld die Erfahrung gemacht, dass ein im Alltag gutes Miteinander der unterschiedlichen Kulturen die Regel ist, aber der öffentliche Fokus auf dem Defizitären liege, den Schwachstellen, den Negativbeispielen. Die gebe es, sind aber die Ausnahmen. Programme zur Beseitigung von Mängeln haben ihre Berechtigung, aber man müsse auch positive Akzente setzen. Zusammen eine bunte, aktive und respektvolle Zukunft für Duisburg zu gestalten, war der gemeinsame Tenor der Veranstaltung.